Friesenschlacht 1457 Fikensolt - Mansie


7000 Friesen sollen sich zum Raubzug ins Ammerland aufgemacht haben. Wer hatte diese gezählt? Die Ammerländer leisteten wohl überraschend starken Widerstand. Überrascht wurden die Friesen beim Rückzug. Der Heerweg durch den Seggernford zwischen Mansie und Fikensolt war versperrt. Mit gefällten Bäumen. An dieser Engstelle griffen die Ammerländer die Friesen an. „So haben die Ammerschen Leute also dar durch einen Mut genommen, mit Fröligkeit die Friesen verfolget und männlich in die Fluch geschlagen,und ihrer 300 gefangen zwischen Mansingen und Fikensolte. Sie eileten den Feinden nach, und die liefen also sehr, dass sie ihre Büchsen, Armbruste und stählern Bogen, langen Spießen, Schablinen, Hellebarden, Schilde, Schlachtschwerde und dergleichen Rüstzeug von sich geworfen.“ Soweit die Darstellung des oldenburger Chronisten Hamelmann in der Darstellung der Westersteder Chronik von Hermann Ries. Das Friesendenkmal leidet nicht nur an der vaterländisch ausgerichteten Bauweise des Denkmals. Immerhin. Man gedenkt mehr den Toten auf beiden Seiten als der Schlacht selbst. 
 

Die historische Beschreibung der Schlacht zielt mehr auf eine Flucht, einer stampede artigen, hin. Vielleicht hat man hier auch nur die *Nach*hut der Friesen angegriffen? Spekulation! Genauere historische Nachschau wäre vielleicht vonnöten. Carl Baasen bietet in seiner siedlungsgeschichtlichen, landeskundlichen Betrachtung des Ammerlandes eine Erklärung dieser Schlacht anhand der schlechten Wegverhältnisse auf dem damaligen Heerweg an. Die Wege vormals waren als schmale Hohlwege angelegt bzw.entwickelten sie sich im Laufe der Zeit zu diesen. Der Schmutz auf den Wegen, entstanden durch das tiefe Eingraben der Wagenräder, durch den Viehumtrieb auf der Strasse, wurde an die Seite geschaufelt, auf die Wegbänke, die Wälle entlang des Weges. Die damit permanent an Höhe gewannen und den Charakter, die Struktur als Hohlweg prägten und verstärkten. Entwässerungsgräben an diesen Wegen gab es nicht. Der Weg selbst diente der Entwässerung, stand also oftmals unter Wasser. Im Ammerland heißen die Wege in den Niederungen, die temporär unter Wasser stehen, Striek, aber auch Vorde. Im Polanski / Nastassja Kinski Film "Tess" ist eine gestrichener, also unter Wasser stehender Weg zu sehen, wenn auch in England. Aber das Beispiel eines Hohlweges entlang von Hecken demonstriert genug die Schwierigkeit der Durchquerung, des Fortganges.
 

Die Friesen hatten reiche Beute gemacht. Ihre Wägen waren also schwer beladen. Sie kamen beim Abzug kaum voran. Zudem hatten sie vor dem Abzug kräftig den Sieg gefeiert. Die Ammerländer hatten Zeit genug sich zu sammeln, waren orts- und wegekundig. Sie eilten auf den Richtwegen zusammen und trafen sich beim Seggenford. Hier war es besonders naß und tief. Die Wägen kamen kaum vorwärts. Wegen der Enge der Hohlwege konnten diese auch nur hintereinander fahren. Die Ostfriesen beschäftigten sich wegen der schlechten vernässten Wegverhältnisse hauptsächlich mit dem Schieben, Anschieben, Ziehen der Beutewägen. Wurden von der eigenen Beute, da groß und gewichtig, behindert.

 

Der Beutezug wird zudem eine beachtliche Lauflänge der Wägen und Mannschaften gehabt haben. Die Mannschaften der Friesenwaren also auseinandergezogen, auseinandergerissen. Ein Heer von 7000 Mann und Wägen ergibt auf einer schmalen Straße, beengt durch die Hohlweglage, einen kilometerlangen Zug. Eine Überlegenheit auf einem großen übersichtlichen “Kampffeld” konnten sie deshalb nicht herstellen, das sich zudem auf der durch die aufgeschütteten Wälle an den Straßenrändern, Hecken, Baumreihen eingegrenzten Strasse nicht ergab. Das Friesenheer war auf dem Heerweg ein langer und auseinander gezogener Zug. Ein Heer auf dem Marsch war in der Regel geordnet und hatte Vor- und Nachhut. Ob das auch auf die Friesen auf ihrem Abmarsch zutraf ist offen. Ob diese militärische Ordnung in der Situation auf dem rutschigen, matschigen, nassen eingeengten Heerweg geholfen hätte ist fraglich.Die Ammerländer können den langen Zug an verschiedenen Positionen angegriffen haben. Vorne, in der Mitte, an mehreren Stellen. Das Friesenheer hatte aufgrund der Strassenverhältnisse kaum eine Chance sich entsprechend zu formieren und eine Abwehrhaltung einzunehmen. Im Grunde genommen hat ein abziehendes Heer, in der Tiefe des Hohlweges nur Schwachstellen. Auf dem schwierigen Geläuf war auch kein schnelles Formieren möglich,

 

Kommandos, wie agiert, reagiert werden sollten, konnten kaum auf die Schnelle an die Gesamtheit des friesischen Heeres übermittelt werden. Vielmehr wird Unruhe und Gedränge bei den Friesen geherrscht haben, was auf schmierigen Untergrund allein schon zu Chaos, zu Panik führt. Die Attacke der Ammerländer konnte so eine panikartige Flucht der Friesen verursachen, die auf dem verstopften Weg froh sein durften, das blanke Leben zu retten. Deshalb die Beutewägen, schwere Waffen auf der Heerstraße liegen ließen.

 

Die Anlage der früheren Heerwege als Hohlwege gerade im “flachen” Ammerländer Land ließ kein seitliches Entweichen zu. Die Beutewägen konnten nicht über Wälle, Gräben transportiert werden, mit denen gerade die an die Heerstraße angrenzenden agrarischen Flächen umgeben waren. Zudem sind zuwenig abgehende Wege vorhanden, die auch nicht in die Richtung führen, in der die Friesen heimatwärts abziehen wollten. Die schmalen Richtwege, Kirchwege waren ja gerade die Wege, die die Ammerländer nutzten, um die Friesen auf dem Heerweg zu stellen, zu überholen. Insofern werden diese auch von Mannschaften der Ammerländer gehalten, besetzt und dienten keiner Fluchtmöglichkeit der Friesen in ihrer Gesamtheit.

 

Carl Baasen bietet also allein schon von der historischen Kenntnis der Ammerländer Topographie her, so bescheiden sich diese auch in der Höhenentwicklung von wenigen Metern darstellt und der “verwässerten” Heeresstraße eine breite Interpretationsgrundlage des historischen Geschehens. Die Friesen waren aufgrund der Straßenverhältnisse eingeschränkt. Zudem konnte nur auf der Heerstraße der breite Moorgürtel, der Ammerland und Friesland trennt, durchquert werden. Allerdings auf sehr morastigem Untergrund. Der den Friesen mit zum Verhängnis wurde. Sowie die im Ammerland zunächst gelingenden Beuteerfolge. Die aber aufgrund ihrer beschwerlichenTransportfähigkeit keinen schnellen Abzug erlaubte. Die Anlage des Heerweges als Hohlweg schränkte die Friesen ein und minderten das vorherige Kampfpotential entscheidend, da die friesische Truppe kilometerweit auseinandergerissen wurde. Damit wurde die Kampffähigkeit einer zahlenmäßig überlegenen Armee außer Kraft gesetzt, die nur in einer offenen Fläche sich entfalten konnte.

 

Auch wenn die Ammerländer von der Zahl her weit unterlegen waren, sie konnten die Friesen bei ihrem Abzug auf den Richtwegen, Kirchwegen überholen, möglicherweise stoßtruppartig angreifen. Die Beengtheit des Hohlweges, die Unübersichtlichkeit, das Abgeschnittensein von den anderen Teilen des friesischen Heeres, das Fehlen einer Übermittlungsfähigkeit von eindeutigen Befehlen konnte sich nur Panik verstärkend auf die Friesen auswirken. Der ammerländische Morast auf der Heerstraßen war die “Varusschlacht” der Friesen, wenn auch hier viel weniger Verluste an Leben zu verzeichnen waren.

 

Zudem war die friesische Landwehr, die mehr aus Bauern als aus gut ausgebildeten Kämpfern bestand, nicht durch schwerste Rüstungen wie die Römer gehindert, zu flüchten. Das Hinterlassen der Beutewägen, das Fallenlassen der hinderlichen Hellebarden, Lanzen erleichterte das gruppenweise Flüchten. Zudem wußten die Friesen im Gegensatz zu den Römern dass in geringer Entfernung heimisches Gelände vorhanden war. Flüchten, alles hinter sich lassen, konnte die Rettung bedeuten.

 

Umgekehrt konnte das für die Ammerländer bedeuten: Die flüchtigen Haufen der Friesen wurden nicht mehr besonders aufgehalten, da nun die Aussicht bestand, Verlorenes wieder zurück zu bekommen, einen Teil der friesisches Beute für sich zu erhalten. Mangelnde militärische Übung, fehlender Einsatz einer drein schlagenden Kavallerie begünstigten den chaotisch verlaufenden Abzug der flüchtenden Friesen, verhinderten aber auch ein massenhaftes Körpermassaker an den Friesen, das von einem besser ausgebildeten Heer, einem auf Vernichtung agierendem, gedrillten, klar befohlenem Heer in dieser Situation hätte ausgeübt werden können. Hamelmann berichtet dennoch von einem Nachsetzen der Ammerschen Schützen und Ingesessenen, wenn auch nicht klar ist, welche genaue Anzahl dieses letzteScharmützel betraf: “Es haben noch sich der Nachjagt verdrießen lassen die Ammerschern Schützen und Ingesessen, besonders haben nach geeilet den Feinden und sie in großen Haufen auf einen Plaen zwischen Apen und Deteren, da sie sich vor Müdigkeit halben gelagert in der Sprohe, meist auf der Erde liggen gefunden, und zu ihnen künlich hineingesetzet, noch abermals viel gefangen und geschlagen, und die Gefangen sind zu Altenburg in die Festunge gebracht.” Die Verlustzahlen der Friesen sind angesichts der angegebenen Gesamtmenge des friesischen Heeres in Relation betrachtet gering. Sie sprechen nicht von einer Friesenschlacht, sondern vielmehr von einer Friesenflucht.

 

Vom ursprünglichen Wegzustand ist an dieser Stelle wenig nachzuverfolgen. Ein breiter Sandweg ist nun an die Stelle des alten Heerweges mit seinen hohen Wegbänken getreten. Ein Blick in die Umgebung zeigt bei den Waldstellen ein sehr unruhiges Geländerelief, also nicht begradigt sondern sehr uneben. Heute auch von vielen Bänken entlang von Wegen und Gräben durchzogen. Auch das heutige Weideland, früher Heide ist uneben und an den tieferen Geländemilieus verwässert. So läßt sich heute noch verstehen,daß der Friesenzug mit seinen Wägen an dieser Stelle keine Fluchtmöglichkeit außerhalb des Heerweges hatte. An einigen Wegen läßt sich noch schön die heute noch vorhandene Hohlbildung damaliger Wege nachvollziehen, z. B. am Weg ab der Straße in Richtung Ocholt beim Weg zur ehemaligen Burg Mansingen.

 

Am 9. September 2012 wurde am historischen “Schlachtfeld” zu einem Spektakel geladen. Von den Dorfgemeinschaften Fikensoltund Mansie. Diesmal waren die Ammerländer massenweise mit dem Fahrrad unterwegs, um zum Schlachtort zu eilen. Ein historischer Vortrag war angekündigt. Der sich als eher anektodischer erwies. Bei “living History” werden sowieso keine allzu strenge Maßstäbe mehr angelegt. Dabeisein zählt, einen Hauch des historischen zu erhaschen. Nachdem historisierenden Spektakel legten die beiden beteiligten Dorfgemeinschaften Mansie und Fikensolt noch eine günstig zu erwerbende Broschüre auf. Obwohl hier näher auf das “Schlachtgeschehen” eingegangen wird, verdeutlicht sich doch die dünne bisherige Quellenlage und Diskussion der Schlacht. Viel zitiert aus Ammerländer Sicht wird die Chronik von Hermann Hamelmann, bekannt durch die Darstellung von Hermann Ries in der Westersteder Chronik. Allerdings kein Augenzeugenbericht sondern eine eher “tendenziöse” Darstellung, über 100 Jahre danach. In der Broschüre wird auf die Rasteder Chronik verwiesen. Diese gibt allerdings kaum etwas zum genauen Ablauf der Schlacht her, ist aber wohl die Blaupause für die Hamelmann'sche Schilderung. Die Rasteder Chronik wurde von Abt Johann von Gröpelingen geführt, der aber zurzeit der Schlacht in Aurich von Häupling Ulrich festgehalten wurde. Also kein Augenzeuge der Schlacht war, wie es in der Broschüre auf Seite 13 gemutmaßt wurde. Auch die aus “ostfriesischer Sicht gegebenen Darstellungen leiden daran, dass sie einige Jahrhunderte zu spät kommen. Es wären die Quellen zur Geschichte Ostfrieslands (Beninga, E., Chronica der Freesen, Hrsg. von L. Hahn und H. Ramm sowie Möhlmann G., Norder Annalen) genauer zu studieren. 

 

Die Broschüre versucht in den weiteren Ausführungen den historischen Kontextaufzuzeigen, in dem das Ereignis vom 28.03.1457 zu sehen, zu verstehen ist. Um den Ausbau und Erhalt des eigenen Herrschaftsterritoriums von Seiten Oldenburgs unter Graf Gerd, um innerfriesische Machtkämpfe, hier Ulrich Cirksena, später Graf von Ostfriesland, mit seinem Gefolgsmann Sibeth Attena, Häuptling von Esens, gegen den Häuptling von Jever, Tamme Düren, zunächst verbündet mit den Oldenburgern. Der Angriff auf das oldenburgische Ammerland wird von Sibeth Attena mit Unterstützung von Moritz Kankena von Dornum und dem Drost von Lengen, Syveke, auf der Burg Großsander sitzend, also dem Ammerland direkt benachbart, durchgeführt. Also ein Teil des Friesenheeres stammte aus der nächsten Umgebung des Ammerlandes, wenn auch durch die Moorlandschaft des Lengener Moores getrennt. Die “Friesenschlacht” war nur ein Gemetzel unter vielen. Die bäuerliche und auch städtische Bevölkerung Ammerland-Oldenburgs und Frieslands war hier das Opfer von Herrschaftsstrategien und Machtspielen.